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Der Abschied von SAP WM – Welche Lagerverwaltung für die Zukunft?

2027 endet die Wartung für SAP WM, 2030 der Betrieb – SAP WM geht in den Ruhestand. Welche Zielarchitektur zu Ihrem Unternehmen passt und was Sie jetzt tun sollten.

Fragen Sie Herrn Petersen. Noch.

Herr Petersen wird Ende 2027 in den wohlverdienten Ruhestand eintreten. Das ist schön für Herrn Petersen – und ein Geschäftsrisiko für seinen Arbeitgeber, ein mittelständisches Industrieunternehmen aus Norddeutschland.

Herr Petersen ist Logistikleiter und war schon 2005 bei der Einführung von SAP WM als Know-How-Träger dabei. Er kennt die SAP WM-Implementierung und die vom Lagerverwaltungssystem unterstützten Prozesse in- und auswendig. Die Dokumentation zur WM-Implementierung stammt ebenfalls aus dem Jahr der Implementierung; in der Vergangenheit war das kein Problem, Herr Petersen war ja da und konnte alle Fragen rund um die Lagerprozesse schnell und kompetent beantworten.

Wenn Ihnen Herr Petersen und seine Geschichte bekannt vorkommt, ist das kein Zufall: Viele Unternehmen mit SAP WM haben einen Herrn Petersen, also den einen Kollegen oder die eine Kollegin, bei denen alle Fäden zusammenlaufen und die ihrem Rentenbeginn entgegensehen. Dazu kommt: Mit Ende 2027 läuft auch die reguläre Wartungsfrist für SAP WM ab. Sie lässt sich per Extended Support bis 2030 verlängern, bei Herrn Petersen dagegen ist das nicht so einfach. Es läuft also die Frist, in der eine Entscheidung für die zukünftige Lagerabwicklung getroffen werden sollte – am besten bevor das Know-How in Rente geht.

Welche Fristen gelten und welche Zielarchitekturen möglich und bei Ihnen für die Migration Ihrer Lagerverwaltung sinnvoll sind, wollen wir in diesem Artikel näher beleuchten.

Bewährt, gewachsen, überholt: Wo SAP WM heute steht

SAP WM – genauer: die Lagerverwaltung innerhalb der Logistics Execution, kurz LE-WM – gehört zu den erfolgreichsten Modulen, die die SAP je ausgeliefert hat. Seit den frühen SAP R/3-Tagen und weiter in SAP ERP verwaltet es zuverlässig Bestände, Lagerplätze und Transportaufträge in Zehntausenden Installationen weltweit, vom manuellen Block- oder Freilager bis zum modernen Distributionszentrum.

Verglichen mit anderen Modulen hatten diese zahlreichen erfolgreichen WM-Implementierungen von Anfang an die Eigenheit, dass sie die individuellen physischen Gegebenheiten des Lagers abbilden mussten und damit einen hohen Grad an Individualisierung mit sich brachten. Über die Jahre entstanden so hochindividualisierte Systeme mit zahlreichen kundenspezifischen Entwicklungen, Schnittstellen und temporären Prozessen. All das hatte jeweils gute Gründe und resultierte insgesamt in stabilen, zuverlässigen und effizienten Lagerprozessen.

Die eigentliche Dokumentation der Lagerprozesse jedoch endete oftmals mit der Implementierung; das tiefere Prozesswissen lebte im Betrieb, also in den Gewohnheiten, Workarounds und in den Köpfen der Wissens- und Entscheidungsträger, wie Herrn Petersen aus unserer Eingangsanekdote.

Angesichts der Fristen zum Ende von SAP WM stellt sich nun also die Herausforderung, das langjährige Prozesswissen der Know-How-Träger optimal zu nutzen und gleichzeitig Raum für Innovationen zu schaffen, um auch zukünftig den reibungslosen Betrieb der Lagerprozesse sicherzustellen.

SAP WM-Support-Ende: Die drei Fristen im Überblick

Für das Ende von SAP WM sind drei Termine entscheidend:

  • 31. Mai 2026: Die Nutzung von SAP WM im Kompatibilitätsmodus unter SAP S/4HANA ist ausgelaufen.
  • 31. Dezember 2027: Die Mainstream-Wartung von SAP WM in SAP ERP endet. Danach gibt es Wartung nur noch als kostenpflichtige Verlängerung.
  • 31. Dezember 2030: Ab dann darf SAP WM nicht mehr produktiv betrieben werden.

Der erste Termin ist bereits ausgelaufen. Er hat für die meisten Unternehmen keine allzu große Bedeutung, da er SAP WM unter SAP S/4HANA betrifft. Wer bereits auf S/4HANA migriert ist oder SAP S/4HANA neu einführt, muss eine Lösung für die Lagerverwaltung finden – oftmals heißt diese Lösung bereits SAP EWM oder SAP Stock Room Management.

Der zweite Termin stellt eine wesentliche Hürde dar: Unternehmen, deren ERP-System derzeit noch ein SAP ERP bzw. SAP ECC ist und die das integrierte SAP WM nutzen, verlieren ab 2028 die reguläre Wartung der SAP. Diese lässt sich bis Ende 2030 verlängern, was den Unternehmen mehr Zeit für die Migration auf SAP S/4HANA und damit für die Ablösung von SAP WM einräumt.

Der dritte Termin wird in den Planungsrunden oftmals unterschätzt, weil 2030 weit weg klingt. Gerade bei mehreren Standorten mit Lagerverwaltung oder komplexen Lagerprozessen wird die Zeit allerdings schnell knapp, wenn etwa noch Architekturentscheidung, Budgetfreigabe und Ausschreibung ausstehen. Auch aus diesem Termin ergibt sich also bei seriöser Projektplanung bereits ein gewisser Handlungsdruck in der Gegenwart.

Und dann bleibt noch die vierte Frist, die für jedes Unternehmen individuell ist: Der eingangs erwähnte Renteneintritt der Wissensträger. Solange sie sich noch im Unternehmen befinden, kann bei der Konzeption der neuen Lagerverwaltungslösung auf konkretes, greifbares Prozesswissen zurückgegriffen werden. Eine Migration, die nach dem Renteneintritt der Wissensträger startet, betreibt Archäologie und verursacht höhere Analyse- und Konzeptaufwände.

SAP WM abgelöst: die fünf Zielarchitekturen im Überblick

Hier beginnt die Konzeptarbeit, die Sie selbst – gemeinsam mit erfahrenen Partnern wie uns – leisten müssen. Die SAP bietet mehrere mögliche Lagerverwaltungslösungen als Zielarchitektur an; welche davon zu Ihrem Unternehmen passt, hängt von Ihrem Lager und Ihren Prozessen ab.

LagerverwaltungslösungArchitekturFunktionen
SAP Stock Room ManagementIntegriert in SAP S/4HANAWie SAP WM, ohne 7 definierte Komponenten aus LE-WM
SAP EWM Basic (Embedded)Integriert in SAP S/4HANASAP EWM ohne bestimmte erweiterte Funktionalitäten
SAP EWM Advanced (Embedded)Integriert in SAP S/4HANASAP EWM mit vollem Funktionsumfang
SAP EWM Advanced (dezentral)Eigenes SAP EWM-System auf Basis von SAP S/4HANASAP EWM mit vollem Funktionsumfang
SAP Logistics ManagementPublic Cloud auf SAP BTPEher grundlegende Funktionalitäten, aber integrierte Lager- und Transportabwicklung

Der vorstehenden Tabelle können Sie die Optionen für Ihre zukünftige SAP-Lagerverwaltungslösung entnehmen.

Bei Stock Room Management handelt es sich im Wesentlichen technisch um LE-WM mit reduziertem Funktionsumfang; bestimmte Komponenten, wie der Betrieb eines Lagersteuerrechners (WM-LSR) oder der Betrieb als dezentrale WM-Instanz (LE-DWM) dürfen nicht mehr verwendet werden. Dennoch handelt es sich beim Stock Room Management um eine Option, um z.B. bei einer Brownfield-Conversion eines ECC auf S/4HANA die Lagerverwaltung weitgehend unangetastet zu lassen und auch über 2030 hinaus weiter betreiben zu können. Empfehlenswert ist diese Option insbesondere dann, wenn die Lagerungsprozesse wenig Komplexität aufweisen und das WM mehr oder weniger unverändert weiter betrieben werden soll oder wenn im Gesamt-Projektkontext einer S/4HANA-Conversion die Lagerverwaltung aus dem Projekt herausgelöst und z.B. im Zuge einer SAP-EWM-Einführung separat betrachtet werden soll.

Bei SAP Extended Warehouse Management (SAP EWM) haben Sie mehrere Deployment-Möglichkeiten: Grundsätzlich kann das EWM als Teil von S/4HANA betrieben werden, z.B. nach einer S/4HANA-Greenfield-Implementierung – das sog. Embedded EWM. In diesem Fall haben Sie die Wahl zwischen der Basic-Variante, die in SAP S/4HANA ohne zusätzliche Lizenzkosten zur Verfügung steht, und der Advanced-Variante. Der Unterschied zwischen beiden Varianten ist funktionaler Natur; es sollte daher im Rahmen einer Prozessanalyse untersucht werden, ob Sie die Advanced-Funktionalitäten benötigen oder die Basic-Variante ausreichend ist. Der Wechsel von Basic auf Advanced kann auch später erfolgen.

Sie können zudem SAP EWM als dezentrales System betreiben. In diesem Fall unterscheidet sich das EWM selbst funktional nicht von einem Embedded EWM Advanced – wird SAP EWM dezentral betrieben, entscheiden Sie sich damit gleichzeitig für die Advanced-Version.

Seit November 2025 steht als weitere Option SAP Logistics Management (SAP LGM) zur Verfügung – eine von Grund auf neu entwickelte, cloudbasierte kombinierte Lagerverwaltungs- und Transportmanagement-Lösung. Besonders interessant ist diese Lösung z.B. für regionale Zweigstellen von Konzernen, für die eine SAP EWM-Implementierung voraussichtlich zu aufwendig bzw. nicht benötigt ist.

Welche Zielarchitektur passt zu Ihrem Lager?

Um die richtige Tendenz für Ihr Lager zu ermitteln, brauchen Sie zunächst einmal keine mehrmonatige Vorstudie. In der Regel reichen bereits wenige Fragen, um die im vorangegangenen Abschnitt genannte Liste der Optionen auf wenige Handlungsoptionen einzugrenzen.

1. Wie komplex sind Ihre Lagerungsprozesse wirklich?

Welche Komplexität ergibt sich aus Ihren Lagerungsprozessen? Ein verhältnismäßig einfaches Lager mit Entladung, Wareneingangsabwicklung und Einlagerung und Kommissionierung und Versand ohne weitere Varianten oder Sonderprozesse ist als ein anderes Projekt zu behandeln als eines mit mehrstufiger Kommissionierung, logistischen Zusatzleistungen, Chargenverwaltung und Produktionsversorgung. Eine grundlegende Richtschnur kann hierbei sein, wie viele echte Prozesslücken in SAP WM durch kundenspezifische Entwicklungen abgedeckt werden. Wer dabei feststellt, dass ein Standard-SAP-WM mit einigen Workarounds oder manuellen Schritten jahrelang gereicht hat, wird wahrscheinlich mit Stock Room Management oder EWM Basic gut versorgt sein.

2. Wie viel Automatisierung ist heute vorhanden und in Zukunft geplant?

Ob Fördertechnik, automatische Regalbediengeräte, fahrerlose Transportsysteme, Paternoster- oder Shuttle-Läger: Sobald eine automatisierte Materialflusssteuerung betrieben wird, führt an SAP EWM Advanced kein Weg vorbei. Dabei sollten Sie zukünftig geplante Investitionen im Blick behalten: Wenn Sie bereits wissen, dass in den kommenden Jahren eine Automatiklösung angeschafft werden soll, sollten Sie nicht in eine Architektur migrieren, die Sie in kurzer Zeit wieder ablösen müssen.

3. Was kostet Sie eine Stunde Lagerstillstand?

Bei dieser Frage geht es im Wesentlichen darum, ob Ihre Lagerverwaltungslösung dezentral betrieben sein sollte oder embedded. Wenn eine Stunde Lagerstillstand für Sie unangenehm, aber verkraftbar ist, spricht in der Regel aus funktionaler Sicht wenig gegen die Embedded-Variante. Wenn die Antwort im fünf- oder sechsstelligen Bereich liegt, eine Anbindung an mehrere Werke erforderlich ist oder das EWM z.B. aufgrund hochfrequenter Kommunikationsanbindung beispielsweise an eine Behälterfördertechnik anders dimensioniert sein soll als Ihr zentrales S/4HANA, so sollten Sie sich für ein dezentrales SAP EWM entscheiden.

4. Wo steht Ihre S/4HANA-Conversion?

Dies ist in der Praxis oftmals die wichtigste Fragestellung. Im Kern geht es darum, dass die Einführung Ihrer zukünftigen Lagerverwaltungslösung nicht losgelöst vom Rest Ihres ERP-Systems betrachtet werden, sondern eng mit dessen Migration synchronisiert oder alternativ konsequent entkoppelt werden sollte.

Wenn Ihr S/4HANA-Conversion-Projekt bereits läuft, sollten Sie die für Sie korrekte Reihenfolge festlegen: Sollen die Projekte entkoppelt laufen – z.B. Lagerverwaltung zuerst als SAP EWM dezentral – oder soll die Lagerverwaltung gemeinsam mit dem Core erneuert werden? Falls Sie sich entscheiden, nachgelagert die Lagerverwaltung zu erneuern, so haben Sie die Möglichkeit, Stock Room Management als Brücke zu nutzen und somit die Schlüsselpersonen für Ihre S/4HANA-Conversion zu entlasten.

 

Die Querschnittsfrage

Quer zu allen vier Fragen liegt die Fragestellung, wer bei Ihnen im Haus überhaupt diese vier Fragen qualifiziert beantworten kann. Langjährig in Ihrem bestehenden System erfahrene Kolleginnen und Kollegen werden die Fragestellungen nach Prozesskomplexität, Workarounds und Stillstandskosten vermutlich leicht beantworten können.

Unsere Empfehlung lautet daher, die Analyse Ihrer Prozesse bereits jetzt anzugehen und so den für Sie richtigen Zukunftspfad bereits frühzeitig einzuschlagen. Eine solche Analyse geht schnell und kostengünstig, solange Herr Petersen noch im Unternehmen ist; wenn er das Unternehmen verlassen hat, dauert sie Monate und wird weniger genaue Ergebnisse zutage fördern.

Abschließend haben wir zur Beantwortung der vorstehenden Fragen noch ein kurzes Quiz als Hilfestellung für Sie vorbereitet – probieren Sie es gern aus und finden Sie eine erste Orientierung für Ihr Unternehmen.

Das Quiz: Ihre Richtung in vier Fragen

Vier Fragen, eine erste Orientierung. Die Auswertung ersetzt keine Ist-Analyse – aber sie zeigt, in welche Richtung Ihr Weg vermutlich führt.

1. Wie komplex sind Ihre Lagerprozesse im Betrieb?
2. Wie viel Automatisierung ist im Spiel – heute und in fünf Jahren?
3. Was kostet Sie eine Stunde Lagerstillstand?
4. Wo steht Ihre S/4HANA-Konversion?

Bitte beantworten Sie alle vier Fragen – die markierten fehlen noch.

Erste Orientierung aus vier Fragen – die verlässliche Antwort liefert eine Ist-Analyse mit Ihren Wissensträgern. Fragen Sie Herrn Petersen. Noch.

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